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Blick Beitrag: Von Ikea bis Novartis - Immer mehr Unternehmen für das CO2-Gesetz

21. Februar 2021

Netto null bis 2050: In 30 Jahren will die Schweiz eine ausgeglichene Klimabilanz erreichen. Schon 2030 sollen es 50 Prozent weniger Treibhaus­gase sein. So will es das revidierte CO2-­Gesetz, das im Juni an die Urne kommt.

Das Ziel ist die Senkung der Emissionen in allen Sektoren – von der Industrie über die Landwirtschaft bis zum Verkehr. Mit Widerstand aus der Wirtschaft war ­deshalb zu rechnen. Doch bloss die Öl- und die Autobranche wehren sich öffentlich gegen das Gesetz. Grosse Verbände wie Economie­suisse, die Schweizerische Bankiervereinigung und der Schweizerische Baumeisterverband hingegen sprechen sich dafür aus. Und immer mehr Unternehmen tun es ­ihnen gleich.

Jetzt outen sich auch ganz grosse Namen. SonntagsBlick weiss: Novartis, Swiss Re, Ikea, Siemens, Helvetia, Mobiliar, BASF, PwC und die Ammann Group ­sagen ebenfalls Ja zur Klimavor­lage. Und das, obwohl es für einige von ihnen deutlich bequemer wäre ohne dieses Gesetz. «Es betrifft uns insbesondere in den Bereichen Transport, Gebäude und Businessreisen», sagt Jes­sica Anderen (50), Chefin von Ikea Schweiz. Trotzdem ist sie dafür: «Die Vorgaben liegen im Rahmen unserer eigenen globalen Reduk­tionsziele. Sie ­sehen vor, dass Ikea bis 2030 klimapositiv wird.» Bis dann will das Unternehmen also mehr CO2 aus der Atmosphäre entfernen als ausstossen.

Vegetarismus und Effizienz
Wie will der Möbelhändler das schaffen? «Indem wir unsere Emissionen drastisch reduzieren», sagt Anderen. «Wir steigern unsere Ef­fizienz und bieten mehr pflanzenbasierte Lebensmittel an. Aber wir entziehen der Atmosphäre auch CO2 und speichern es im Boden und in Produkten.» Und schliesslich will Ikea den Kunden Solar­anlagen und Wärmepumpen an­bieten. Das entspreche einem Bedürfnis, sagt Anderen. «87 Prozent unserer Kundschaft sind bereit, etwas gegen den Klimawandel zu tun.»

Auch Pharmariese Novartis ­arbeitet an der eigenen Klimabilanz. «Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bereits bis 2030 klimaneutral zu sein», sagt Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt (64). Er ist überzeugt: «Das Gesetz ist ein Kompromiss, der von Unternehmen aller Grössenordnungen umsetzbar sein sollte.»

Nur: Können sich das auch alle leisten? «Die Klimaneutralität ist nicht kostenlos zu haben», sagt Reinhardt. «Aber wenn wir nicht handeln, sind die langfristigen ­Kosten weit höher.» Investitionen in den Umweltbereich würden langfristig grosse Vorteile bringen. «Die Schweiz kann damit bei der Entwicklung neuer Technologien in diesem Bereich weltweit vorne mit dabei sein.»

Rückversicherer Swiss Re spürt den Klimawandel am eigenen Leib. Starkregen, Wirbelstürme, Dürreperioden, Waldbrände: Umwelt­katastrophen sind teuer. Nur logisch also, dass der Konzern in Sachen Nachhaltigkeit zu den Schweizer Spitzenreitern gehört. Auch Swiss Re unterstützt das CO2-Gesetz.

Alles nur Greenwashing?
«Wir können als Risikoträger und auch als grosser institutioneller ­Investor ganz konkret mithelfen, den Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft voranzutreiben», sagt CEO Christian Mumenthaler (51). «Wir wollen ein starkes, konkretes und sichtbares Engagement internationaler Unternehmen quer durch alle Industriesektoren hinweg auf dem Weg zu netto null.»
Ist das Greenwashing? Unter­stützen diese Firmen das CO2-­Gesetz nur aus Imagegründen? «Nein», sagt Stefan Batzli (56), Co-Geschäftsführer von AEE Suisse, der Dachorganisation der Wirtschaft für erneuerbare Energien und Energieeffizienz. «Einer Firma, die sich aktiv für politische Rahmenbedingungen einsetzt, geht es um die Sache.» Dieses Engagement der Wirtschaft bei einem kontroversen politischen Thema sei einzigartig. «Es zeigt, dass sich die Unternehmen tatsächlich Sorgen machen.»

In der Wirtschaft sei ein rasches Umdenken im Gange, sagt auch ETH-Klimatologe Reto Knutti (47). «Wir kommen nicht um ein Netto-null-Ziel herum.» Deshalb würden innovative Firmen, die sich auf die Zukunft ausrichten, vorne mit dabei sein. «Der Rest wird sich mit Shitstorms, teurer fossiler Energie und vielleicht sogar Klagen herumschlagen.»